🚚 Packeta kostenlos ab 70,00 €

Geschichte der Baumpflege: von den ersten Baumpflegern bis zur modernen Baumpflege

Entdecken Sie die Geschichte der Baumpflege – von mittelalterlichen Baumveredlern über englische Herrensitze bis zur ISA und zu den Baumklettermeisterschaften. Wie hat sich die Baumpflege entwickelt?

Wie sich die Baumpflege entwickelt hat: die Meilensteine im Überblick

Die Geschichte der Baumpflege reicht vom mittelalterlichen Baumveredler bis zu modernen Seilklettertechniken. Erfahren Sie, wie sich die Baumpflege in England, den USA und im deutschsprachigen Raum entwickelt hat.

Was Baumpflege ist und wann sie entstand: vom mittelalterlichen Baumveredler zum Fachgebiet

Entstehung der Baumpflege vom mittelalterlichen Baumveredler zum eigenen Fachgebiet

Menschen und Bäume, Bäume und Menschen … Die Geschichte ihres Zusammenlebens festzuhalten ist nicht einfach. Heute können wir uns kaum noch vorstellen, wie sehr unsere Vorfahren von Bäumen abhängig waren. Bäume lieferten ihnen seit jeher Baumaterial, Werkzeug, Nahrung, Heilmittel und Brennstoff. Für viele Völker gehörten sie zum geistigen Leben. Gerade wegen dieser engen Verbindung lässt sich nicht genau bestimmen, wann der Mensch begann, Bäume gezielt zu pflegen – wann aus dem Menschen der erste Baumpfleger wurde und die Grundlage des Fachs entstand, das wir heute Baumpflege oder Arboristik nennen.

Als früher Beleg aus Mitteleuropa gilt der Baumveredler – amputator arborum –, der in der Gründungsurkunde des Klosters Kladrau (Kladruby) zum Jahr 1115 erwähnt wird (Tempír, 1994). Am einfachsten lässt sich wohl feststellen, dass die Baumpflege so alt ist wie die Garten- und Landschaftsgestaltung, denn Bäume sind das Schlüsselelement dieser Räume. Im Lauf der Zeit löste sich daraus ein eigenständiges Fach – die Baumpflege, also ein spezialisiertes Gebiet der Garten- und Landschaftsgestaltung, das sich um Ziergehölze außerhalb des Waldes kümmert.

England als Wiege der modernen Baumpflege: erste Beobachtungen und Pionierbücher

England als Wiege der modernen Baumpflege und erste Beobachtungen an Bäumen

Lässt man die Kunst des Gehölzschnitts beiseite, die die europäische Gartengestaltung seit dem Mittelalter begleitete und in den Anlagen der Renaissance und des Barock gipfelte, so ist die Wiege der modernen Baumpflege höchstwahrscheinlich England. Den Boden dafür bereiteten weitläufige Herrensitze, die über Generationen ohne größere Brüche vererbt wurden. Sie gaben Bäumen Raum, ungestört zu wachsen und alt zu werden. Für den Adel wurden Bäume zum festen Bestandteil des Anwesens und zum Bild der englischen Landschaft – und deshalb interessierte er sich für sie und war bereit, in ihre Pflege zu investieren.

Wie in anderen Fächern bringt die Renaissance auch in die Baumpflege eine neue Ära der Beobachtung und des Experiments. Die Baumpfleger konzentrierten sich vor allem auf das Wachstum des Baumes, auf den Saftstrom und auf die Frage, wie ein Baum von den Ereignissen in seiner unmittelbaren Umgebung beeinflusst wird. Vom hohen Niveau ihrer Beobachtungen zeugen zwei Werke. 1618 erscheint das Buch A New Orchard & Garden, in dem William Lawson schreibt: „Die wichtigsten Wurzeln eines Baumes liegen dicht unter der Bodenoberfläche … und werden sie verschüttet, so nimmt der Baum Schaden.“ Ebenso wies er auf den Zusammenhang von Fäulen und sogenannten Stummeln hin: „Wunden heilen schlecht, wenn ein unerfahrener Gärtner Äste in einem Abstand von einem Zoll bis zu einem halben Fuß vom Stamm entfernt.“ (Lawson, 1618 in Ball, 1999). Ein weiteres, eher forstlich ausgerichtetes Buch ist Sylva or A Discourse of Forest Trees & The Propagation of Timber in His Majesties Dominions von 1664, in dem John Evelyn aus seinen Beobachtungen folgert: „Es ist sehr häufig beobachtet und sehr wahrscheinlich, dass ein Baum in jedem Jahr einen Jahresring bildet.“ Wie bereits erwähnt, bezeichnet dieses vor allem den Waldbäumen gewidmete Buch die Menschen, die sich um Obstgärten und Grün außerhalb des Waldes kümmern, als „arborators“. Interessant sind darin die Anmerkungen zur Diagnose des Baumzustands anhand des Wurzelsystems, in denen der Autor seine Erkenntnisse zum Verhältnis von ober- und unterirdischem Baumteil festhält. Erstaunlich ist, dass er schon damals beschreibt, was uns oft noch heute beschäftigt – die Pflanztiefe neuer Bäume: „Pflanzen Sie den Stamm niemals tiefer, als Sie ihn wachsend vorfinden; zu tiefes Pflanzen tötet das Bäumchen sehr oft. Die meisten Wurzeln brauchen Zugang zu Luft.“ (Evelyn, 1664 in Ball, 1999).

Aberglaube und Magie in der Baumpflege: Ketten, Stummelschnitt und Kronensicherung

Bemerkenswerte Seiten der Baumpflege: historischer Aberglaube und Kronensicherung

England brachte neben dem Wissen über die Bäume selbst auch entscheidende Schritte in der praktischen Baumpflege. Bäume, die in der Nähe von Gebäuden und Wegen standen, mussten von Totholz befreit werden. Das geschah zum Teil, um die Gefahr durch herabfallende Äste tatsächlich zu verringern, zum Teil lassen sich die Wurzeln dieser Pflege aber im Volksglauben suchen, dessen Ursprung wir kaum noch finden, dessen Wirkung wir jedoch bis heute spüren. Viele Bäume vor allem in England wurden mit Schnitt und mit Ketten um die Krone „behandelt“, damit kein Ast herabfiel – denn die Besitzer glaubten, ein solcher Astbruch sei ein böses Omen und bringe der Familie Unglück. Der Glaube mancher Eigentümer an diese Schicksalszeichen war sehr stark und wurde mitunter durch Zufälle bestätigt, die ihn weiter festigten. Eine mächtige Zeder in Bretby in der Grafschaft Derbyshire hatte alle Starkäste vorsorglich mit Ketten verbunden, damit sie nicht brechen. Die Zeder gehörte Lord Carnarvon, dem bekannten Entdecker des Grabes von Tutanchamun – und tatsächlich stürzte ein großer Ast wenige Tage vor seinem Tod herab (Mellor, 1995).

Doug Mellor erzählt die Geschichte, wie er 1969 gebeten wurde, eine alte Eiche auf einem bekannten Anwesen in Südengland zu begutachten und zu behandeln. Das Alter der Eiche wurde auf rund tausend Jahre geschätzt. Sie war massiv mit Stangen verstärkt und mit schweren Ketten verbunden. Der Eigentümer, dessen Familie das Anwesen seit mehreren Generationen gehörte, erzählte eine Familiengeschichte. Danach hatte der vorherige Besitzer seinen einzigen männlichen Erben verloren, nachdem an der Eiche einer der Hauptäste gebrochen war. Die Familie kaufte das Anwesen daraufhin, und in jeder Generation ging der frühe Tod eines männlichen Nachkommen mit dem Bruch eines großen Astes an jener Eiche einher. Deshalb begann der Ururgroßvater des heutigen Eigentümers, den Baum mit Ketten, Stangen und Reifen zu verstärken, um Astbrüche zu verhindern – und über vier Generationen gelang es, den Absturz eines großen Astes zu verhindern; ein früher Todesfall trat in der Familie ebenfalls nicht mehr auf (Mellor, 1995).

Ob die Eigentümer diese Ereignisse als Schicksal oder als Zufall deuteten, spielt weniger eine Rolle; wichtiger ist, dass sie den Umgang mit Bäumen prägten und einigen Techniken der Baumbehandlung – etwa der Kronensicherung – den Weg bereitet haben dürften.

Neben Totholz wurden auch kranke Äste und solche mit Krebswucherungen entfernt. 1629 empfiehlt John Parkinson im Buch Paradisi in sole paradisus, von Krebs befallene Äste zu entfernen und die entstandene Wunde mit einer Mischung aus Essig und Kuhharn zu behandeln, damit der Krebs zerstört werde (Parkinson, 1629 in Ball, 1999). Ein aufwendigeres Präparat gegen Krebswucherungen empfiehlt Monteath (The Forester’s Guide, 1836): eine Mischung aus einem Sud von Eichenholz und Salz, die aufgekocht mit Kalk eingedickt und mit Walfischtran versetzt wird (Monteath, 1863 in Ball, 1999).

Wie man auf Bäume kletterte: die Geschichte des Baumkletterns vom Freiklettern bis zum Seil

Historische Entwicklung des Baumkletterns vom Freiklettern zum Sicherungsseil

Der Bedarf an Baumschnitt und am Einbau von Kronensicherungen brachte natürlich die Notwendigkeit mit sich, eine Technik für die Arbeit in der Krone zu finden. Die Bäume waren hoch und die Leitern kurz. Deshalb waren angeheuerte Arbeiter oder Gärtner vor allem auf das freie Klettern am Baum angewiesen. In dieser Zeit liegen die Wurzeln eines Teilgebiets der Baumpflege – des Baumkletterns. Die Arbeit war anstrengend und gefährlich und endete oft mit Verletzung oder Tod. Auch deshalb war sie besser bezahlt, und einige Baumpfleger begannen, sich darauf zu spezialisieren. Es ist England, wo 1795 der Einsatz eines Seils als wirksame Sicherung beim Schnitt hoher Bäume empfohlen wird (Ryan, 1993).

Über die enge Verbindung Englands mit Nordamerika gelangt das Fach auf den nächsten Kontinent. Baumkletterer aus England, an Höhenarbeit gewöhnt, fanden dort unter anderem auch als Holzfäller Arbeit. Bäume in für Europäer ungewohnten Dimensionen mussten in beträchtlicher Höhe in zwei oder drei Etappen gefällt werden. Die häufigste Ausrüstung des Baumkletterers waren Steigeisen und eine Stammschlinge.

Neben Steigeisen nutzten Baumkletterer zunehmend Hanfseile. Sie banden sich mit einem Palstek an, und obwohl die Arbeit darin unbequem war, war sie sicherer. Dennoch war der Gebrauch von Seilen bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts keine Selbstverständlichkeit. Noch 1934 betont Sueur im Buch The Tree Care & Repair of Ornamental Trees den Gebrauch von Seilen und Sicherheitsgurten als Mittel für mehr Sicherheit bei der Arbeit am Baum. Sueur schreibt: „Es scheint, dass es einen entschiedenen Wandel in der Sturheit jener Menschen gegeben hat, die häufig in Höhen arbeiten, aus denen ein Sturz nicht nur Arbeitsunfähigkeit bedeuten kann, sondern womöglich auch einen langsamen und schrecklichen Tod durch Aufprall oder Aufspießen. Deshalb sollte der Gebrauch von Sicherheitsgurten und Seilen immer stärker gefördert werden. Kein Arbeiter sollte glauben, der Gebrauch solcher Sicherungsmittel sei ein Zeichen von Feigheit – es ist eine Frage des gesunden Menschenverstands.“ (Sueur, 1934 in Ryan, 1993).

Geschichte der Höhlenbehandlung: von der Legende zur Baumchirurgie

Geschichte der Behandlung von Baumhöhlen von der Legende bis zur modernen Baumchirurgie

Die Behandlung von Höhlungen war neben dem Schnitt überhaupt die verbreitetste Tätigkeit der Baumpfleger. In England und den USA betrieb man sie in größerem Umfang vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg, in einigen Ländern Europas hielt sich dieser Trend bis in die erste Hälfte der 1990er-Jahre. Zum Auftakt sei noch eine Geschichte erlaubt, die sich auf dem dünnen Eis der Sage bewegt, aber mögliche Wurzeln des Höhlenverfüllens andeutet. Sie betrifft eine sehr alte Eiche aus einem Park bei Hamburg, deren Kern ausgehöhlt war und eine große Höhlung bildete. Die Legende erzählt, in dieser Höhlung habe eine Hexe gelebt oder ihren Zauber getrieben, deren giftiger „Atem“ die umliegenden Dörfer mit ständigen Krankheiten und Unglücken plagte. Die Hexe wurde gefasst, und aus Sorge, ihre Flüche könnten weiter Unheil stiften, beschloss man, die Höhlung und mit ihr den bösen Fluch zu verschließen. Die Ausführung war äußerst sorgfältig: Zum Verschließen verwendete man Pflastersteine, verbunden mit Asphalt und Bewehrungen (Mellor, 1995).

Das Verfüllen von Höhlungen war bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts weltweit gängige Praxis, auch in Mitteleuropa. Frič führt in seinem Buch Ošetření starých stromů (Die Pflege alter Bäume) von 1953 einen älteren Bericht an „über die Konservierung eines Baumes, in dem vermerkt war, dass 5 Fuhren Material in den Baum passten! Rechnet man mit einer Füllung von 1,5 m Durchmesser und 2 m Höhe, entspricht das einem Volumen von etwa 3 m³ mit einer Masse von 12 000 kg“. (Frič, 1953).

Neben dem Verfüllen widmeten sich die Baumpfleger der Behandlung der Höhlungen. 1789 veröffentlichte der Gärtner William Forsyth aus dem königlichen Garten in Kensington seine Schlüsse im Handbuch General Observations on the Diseases, Defects and Injuries of All Kinds to Fruit and Forest Trees. Er behauptete, eine Anleitung „entdeckt“ zu haben, die bei der Heilung von Bäumen jeder Art nie versage. Durch das Auftragen einer Balsammasse wurde sein Rezept für Jahrzehnte, ja Jahrhunderte zum Vorbild:

„Mischen Sie einen Eimer Kuhdung, einen halben Eimer Putz von einem alten Gebäude (am besten aus Innenräumen), einen halben Eimer Holzasche und ein Sechzehntel Eimer Flusssand. Die letzten drei Zutaten mischen wir gründlich durch, zuerst mit dem Spaten und dann mit einem hölzernen Rührscheit, bis die Masse einheitlich ist. Dann bereiten wir den Baum sorgfältig vor, indem wir alle toten, faulen und beschädigten Teile bis auf das gesunde Holz entfernen, die Wunden mit dem Messer abrunden und glätten, und tragen anschließend eine Schicht der Masse von einem Achtel Zoll Stärke auf.

Abgeschlossen wird die Behandlung mit einer Mischung aus trockener Holzasche und sechs Teilen Knochenasche. Dieses Streumittel geben wir in ein Gefäß mit Löchern im Deckel, bestäuben die aufgetragene Masse damit und lassen sie eine halbe Stunde Feuchtigkeit aufnehmen. Danach tragen wir das Streumittel so lange von Hand auf, bis die Oberfläche der Höhlung trocken und glatt ist.“ (Forsyth, 1789 in Ball, 1999)

Dieses Rezept wiederholte der Autor 1806 noch einmal im Buch A Treatise on the Culture and Management of Fruit Trees.

Die – vor allem wirtschaftliche – Blütezeit der Höhlenbehandlung kam allerdings in den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der sogenannten Baumchirurgie und hielt bis zum Ende der 1930er-Jahre an. Für den Rückgang dieser Arbeiten gab es zwei Gründe. Den größeren Anteil hatte die Weltwirtschaftskrise mit dem Einbruch des Wirtschaftswachstums, der zweite Grund waren Zweifel am Wert dieser Arbeit für die Bäume und an ihrem tatsächlichen Nutzen. (Armstrong, 1935 in Ball, 1999)

Baumschutz gegen Schädlinge und Krankheiten: vom Tabaksud über DDT bis zum Ulmensterben

Entwicklung des Baumschutzes gegen Schädlinge von natürlichen Mitteln zu modernen Methoden

In der Baumpflege war – wie in anderen gärtnerischen, landwirtschaftlichen und forstlichen Fächern – auch die Frage der Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen an Gehölzen wichtig. Zu den bedeutendsten Entdeckungen zählte sicherlich die 1690 entdeckte giftige Wirkung eines Suds aus Tabak auf Schädlinge. Weitere deutliche Fortschritte machte der Pflanzenschutz in den folgenden Jahrhunderten. Es wurden wirksame Pestizide entdeckt, vor allem Fungizide wie die Mischung aus Kalk und Schwefel (1803), Schweinfurter Grün (1860) und die Bordeauxbrühe (1880). Ab 1880 wird gegen Blattläuse eine Kerosin-Emulsion eingesetzt. Ein ähnliches Spektrum an Pflanzenschutzmitteln hält sich bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. (Ball, 1999)

Ein weiteres bedeutendes, leider negatives Ereignis für die Baumpflege ist die Kalamität des Ulmensterbens, die Europa in einer ersten Welle in den 1920er- bis 1940er-Jahren und später, ab den 1930er-Jahren, die USA erfasste. Neben dem erhöhten Arbeitsanfall für Baumpfleger bei der Beseitigung abgestorbener Bäume waren in den USA viele Firmen mit DDT-Spritzungen beschäftigt; DDT wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum „Universalmittel“ gegen alle Schadorganismen, einschließlich der Behandlung vom Ulmensterben befallener Bäume (Ball, 1999).

Baumpflege in den USA: Tag des Baumes, Gründung der ISA und Professionalisierung

Baumpflege in den USA, Gründung der ISA und Professionalisierung des Fachs

Die rasche Bautätigkeit bei der Besiedlung der USA geriet natürlich fortwährend in Konflikt mit Bäumen, und deshalb waren die Dienste von Baumpflegern gefragt. Dank vergleichsweise ruhiger politischer Entwicklung und wirtschaftlichen Wachstums rücken die USA nach und nach an die Spitze der weltweiten Baumpflege. Gerade in den USA waren die drastischen Veränderungen der ursprünglichen Natur durch die westliche Zivilisation am deutlichsten sichtbar, und deshalb entstehen dort die ersten Aktivitäten zum Schutz der Bäume. Ein wichtiger Moment für die weltweite Baumpflege ist das Jahr 1872, als zum ersten Mal der Tag des Baumes begangen wurde. Damals schlug der Journalist J. Sterling Morton aus Nebraska vor, diesen Festtag einzuführen, an dem Bäume gepflanzt werden sollten. Morton reagierte damit auf die trostlose Lage, dass große Teile Nebraskas durch Holzeinschlag entwaldet und die Wälder nicht wieder aufgeforstet wurden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten Baumpfleger noch immer auf Privatgütern, häufiger aber als Angestellte größerer Firmen denn als Selbstständige. In den USA wurden in dieser Zeit zwei bedeutende Baumpflegefirmen gegründet – Davey und Bartlett Tree Experts. Vertreter beider Firmen hatten Anteil an der Gründung der ersten Baumpflegeorganisation, der International Shade Tree Conference (ISTC), im Jahr 1924, die 1975 in International Society of Arboriculture (ISA) umbenannt wurde. Die Gründung dieser Organisation, die Fachleute der Baumpflege zusammenführt, kann als Beginn der eigentlichen modernen Baumpflege gelten. Die ISA hat in ihrer Geschichte die Entwicklung sicherer Klettertechniken vorangebracht und hat erheblichen Anteil an der Baumforschung und an neuen Pflegetechnologien.

Besonders schwere Überlebensbedingungen haben Bäume in Städten, und deshalb richten Baumpfleger ihr Augenmerk auf sie. Doch auch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts hatten es Stadtbäume nicht viel leichter als heute. Sie litten zwar noch nicht so sehr unter versiegelten Straßen und Gehwegen oder unter Abgasen des Autoverkehrs, dafür wurden sie aber häufig von Zugtieren beschädigt, vor allem von Pferden, die man an sie band. Über das Ausmaß der Schäden berichtet William Solotaroff im Buch Shade-Trees in Towns and Cities von 1911 (Solotaroff, 1911 in Ball, 1999).

Ein nicht zu unterschätzendes Problem, das bis heute anhält, verursachten Rasenmäher. Mit ihrer Verbreitung nahm die Zahl beschädigter Bäume zu. G. Massee schreibt im Buch Diseases of Cultivated Plants and Trees von 1915 wörtlich, dass „Maschinen zum Mähen von Gras für eine große Zahl von Schäden am Stammfuß von Bäumen verantwortlich sind“ (Massee, 1915 in Ball, 1999).

Diese Worte galten in den USA wie in Europa. Anders als die USA schlug Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts leider einen anderen Weg ein. Es kam die blutige Geschichte zweier Weltkriege, und mit ihr verstummten nicht nur die Musen, sondern auch die Baumpflege.

Baumklettermeisterschaften und die ITCC: wie die moderne Klettertechnik entstand

Baumklettermeisterschaften als Quelle der modernen Klettertechnik

In Europa lebt das Baumklettern vor rund zwanzig Jahren in größerem Maßstab wieder auf. Aus den USA importierte Techniken werden durch Erkenntnisse und Ausrüstung aus Bergsteigen, Höhlenforschung und Rettungswesen ergänzt. Vor allem dadurch begann sich das europäische Baumklettern, an dessen Aufbau Frankreich und Deutschland maßgeblichen Anteil haben, vom konventionellen amerikanischen Baumklettern zu unterscheiden. In den letzten 10 Jahren verbinden sich beide Richtungen, und damit ändern sich auch die rechtlichen Vorgaben für Klettertechniken. Es entsteht eine Klettertechnik, die üblicherweise als international bezeichnet wird und deren Gestalt nationale, europäische und internationale Baumklettermeisterschaften Jahr für Jahr definieren und überprüfen (Wágner, 1996).

In der Geschichte der internationalen Baumpflege verdienen gerade die Baumklettermeisterschaften Aufmerksamkeit, die Dick Alvarez 1976 erstmals unter dem Dach der ISA organisierte. Dieser erste Wettbewerb fand in St. Louis im Bundesstaat Missouri statt. Einzige Disziplin war damals die Rettung eines verletzten Baumkletterers aus der Krone. Der Wettbewerb wurde seither jedes Jahr ausgetragen. Im Lauf der Zeit änderte er mehrfach Namen und Zahl der Disziplinen und verbreitete sich fast über die ganze Welt. Heute ist er als International Tree Climbing Championship (ITCC) bekannt und wird von der ISA jedes Jahr im Rahmen ihrer internationalen Konferenz mit den besten Baumkletterern der Mitgliedsstaaten ausgerichtet. Sinn der Meisterschaft ist nicht nur, Qualität und Sicherheit der Arbeit von Baumkletterern zu erhöhen, sondern auch Fachleuten wie Laien die Möglichkeiten der eingesetzten Klettertechniken und deren aktuelle Entwicklung zu zeigen. Zugleich gibt sie Baumkletterern die Gelegenheit, ihre unersetzliche Rolle im Fach der Baumpflege öffentlich zu machen.

Baumpflege im deutschsprachigen Raum: von der Baumchirurgie zur ZTV-Baumpflege

Entwicklung der Baumpflege im deutschsprachigen Raum bis zur Zertifizierung European Tree Worker

Auch im deutschsprachigen Raum verlief die Entwicklung lange über die Baumchirurgie: Höhlungen wurden ausgeräumt und mit Beton, Ziegeln oder Bitumen verfüllt, Wunden großflächig mit Wundverschlussmitteln bestrichen. Diese Praxis endete erst, als der US-amerikanische Pflanzenpathologe Alex Shigo (1930–2006) vom United States Forest Service zeigte, dass Bäume Wunden nicht heilen, sondern abschotten. Sein Modell CODIT (Compartmentalization of Decay in Trees) entstand Anfang der 1970er-Jahre und wurde 1985 veröffentlicht; es entzog dem Verfüllen von Höhlungen, dem Kappen und den Wundverschlussmitteln die fachliche Grundlage. Shigo gilt seither als Vater der modernen Baumpflege.

Den zweiten großen Schritt machte die Baumdiagnose. Claus Mattheck vom Forschungszentrum Karlsruhe übertrug in den 1980er- und 1990er-Jahren Erkenntnisse der technischen Bauteiloptimierung auf Bäume und entwickelte daraus die Visual Tree Assessment (VTA) – die visuelle Baumkontrolle, die sichtbare Wuchsmerkmale als „Körpersprache der Bäume“ liest und erst bei Verdacht zu eingehenderen Messungen greift. Damit wurde die Verkehrssicherheit von Bäumen erstmals nach einer nachvollziehbaren Methode beurteilbar; die FLL fasste den Stand der Praxis 2010 in der Baumkontrollrichtlinie zusammen.

Parallel dazu entstand das Regelwerk, das die deutsche Baumpflege bis heute trägt: Die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL) veröffentlichte 1987 die erste ZTV-Baumpflege, die Zusätzlichen Technischen Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege; weitere Ausgaben folgten 1993, 2001, 2006 und 2017. 1993 fanden in Augsburg auf Initiative von Dr. Steffen Wiebe die ersten Augsburger Baumpflegetage mit rund 100 Besuchern statt – seit 2006 heißen sie Deutsche Baumpflegetage und sind die größte Fachveranstaltung der Baumpflege in Europa. Den internationalen Rahmen setzt der 1992 gegründete European Arboricultural Council (EAC), der zwischen 1996 und 1999 im EU-Programm Leonardo da Vinci die Zertifizierung European Tree Worker entwickelte – seit 1999 der europaweit anerkannte Nachweis für Baumpflegerinnen und Baumpfleger, die in Seilklettertechnik arbeiten.

Gerade dank der internationalen Zusammenarbeit verbreiten sich neueste Erkenntnisse über die richtige Baumpflege sehr schnell. Mit dem wachsenden Wissen über Leben und Funktion der Bäume nehmen technisch aufwendige Maßnahmen ab, die in der sogenannten Baumchirurgie ihren Höhepunkt hatten. Nach und nach hören wir auf, den Baum als Objekt menschlicher Selbstverwirklichung zu begreifen, und beginnen ihn als Teil eines größeren Ökosystems zu sehen, das nicht allein den Menschen dient. Es ist wohl kein Zufall, dass wieder in England, der Wiege der modernen Baumpflege, heute Strömungen einer naturnahen Baumpflege entstehen, die sich in ihrer Philosophie vollständig vom heute historischen Verständnis der „Baumchirurgie“ unterscheiden.