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Samenruhe und Stratifikation: Keimung anregen und das Pflanzenwachstum regulieren

Was Samenruhe ist, wie die Stratifikation von Gehölzen funktioniert, wie Sie Saatgut durch Einweichen schneller zum Keimen bringen und wann Retardantien das Wachstum bremsen.

Samenruhe und Stratifikation: Keimung anregen und das Pflanzenwachstum regulieren

Samen vieler Pflanzen keimen nicht sofort nach der Ernte – das ist eine natürliche Ruhephase, die Dormanz. Wie Sie sie durch Stratifikation, Gibberelline oder Einweichen des Saatguts überwinden und wann Sie den Austrieb umgekehrt bremsen wollen.

Was ist Samenruhe und warum keimen Samen nicht sofort nach der Ernte

Zwei junge Keimlinge brechen durch die dunkle Erde

FÖRDERUNG UND HEMMUNG VON KEIMUNG UND WACHSTUM (STIMULATION UND RETARDATION)

STIMULATION VON KEIMUNG UND WACHSTUM

Die Samen mancher Pflanzenarten keimen nicht unmittelbar nach der Ernte. Das ist eine sinnvolle „Einrichtung“: Sie verhindert, dass Keimlinge im Winter geschädigt werden – was passieren würde, wenn die Samen schon im Herbst bei günstiger Witterung aufliefen. Nach der Ernte können Samen also in einem Ruhezustand (Dormanz) sein. Die Samenruhe hat viele Parallelen zur Knospenruhe.

Bei einigen Pflanzenarten klingt die Ruhe in trockenen Samen oder Früchten schon wenige Wochen nach der Ernte ab. Das gilt zum Beispiel für die meisten Winterweizensorten, für Sommergerste und für die Samen zahlreicher Unkrautarten (z. B. Einjähriger Ziest sowie Flughafer und andere). Bei Unkräutern erfolgt das Aufwachen aus der Ruhe meist schrittweise, wodurch manche Arten besonders „hartnäckig“ werden: Ein Teil ihrer Samen keimt noch nach mehreren Jahren. Die Ruhe hängt hier mit einem hohen Gehalt an Auxin bzw. Abscisinsäure (ABA) zusammen. Eine Behandlung mit Gibberellinen kann diese Ruhe verkürzen oder ganz aufheben.

Stratifikation von Gehölzen: Kaltkeimer mit Kälte zum Keimen bringen

Junge Sämlinge mit Pflanzetiketten in einer Anzuchtschale

Bei Gehölzen hat die Samenruhe meist einen anderen Charakter. Hier müssen die Samen (oder Früchte) erst in Wasser quellen und danach eine bestimmte Zeit lang Kälte bekommen. Diese Maßnahme heißt Stratifikation; im Garten spricht man bei solchen Arten von Kaltkeimern. Sie hat viel mit der Vernalisation gemeinsam. Während der Stratifikation werden Enzyme aktiviert, die hemmende Substanzen abbauen, und nach und nach kommen Gibberelline und Cytokinine in Gang.

Stratifikation von Obstsamen und Unterlagen in der Praxis

Die Samen von Äpfeln, Birnen, Steinobst und Nüssen haben eine lange Keimruhe. Säen Sie sie im Frühjahr trocken aus, laufen sie erst im nächsten Jahr auf, manche nach zwei Jahren. Stratifizierte Samen keimen schon im Jahr der Aussaat. Das nützt jedem, der eigene Sämlingsunterlagen zum Veredeln oder ein Bäumchen aus einem Kern ziehen möchte.

Zwei Wege: Herbstaussaat oder Stratifikation

Am einfachsten ist es, die Samen gleich nach der Ernte im Herbst auszusäen, zum Beispiel Kirschkerne. Der Winter draußen übernimmt die Stratifikation, und die Samen laufen im Frühjahr gleichmäßig auf. Steinobst wird mit Fruchtfleischresten gesät, Nüsse mit der grünen Schale. Im Beet müssen Sie sie aber vor Mäusen schützen, am besten mit engmaschigem Drahtgeflecht. Für die Frühjahrsaussaat werden die Samen zu Hause stratifiziert.

Ablauf der Stratifikation

  1. Mischen Sie 1 Teil Samen mit 3 Teilen gewaschenem Sand und befeuchten Sie die Mischung kräftig. Lassen Sie die Samen einige Tage quellen, Steinobst etwa 3 Tage, Kernobst etwa 6 Tage.
  2. Breiten Sie die Mischung dünn aus, lassen Sie sie leicht abtrocknen und füllen Sie sie in eine 30–35 cm tiefe Kiste oder in einen Topf mit Löchern im Boden und im Deckel.
  3. Stellen Sie sie in einen Keller mit 4–8 °C. Kleinere Mengen genügen im Beutel mit feuchtem Sand oder Vermiculit im Kühlschrank.
  4. Alle 10–15 Tage die Mischung durchmischen und bei Bedarf befeuchten. Die Samen dürfen weder austrocknen noch gefrieren.
  5. Ohne Keller können Sie den Topf im Beet 40 cm tief eingraben, wo der Boden nicht durchfriert, und ihn oben mit engmaschigem Drahtgeflecht gegen Mäuse abdecken.
  6. Keimen die Samen 3–5 Tage vor der geplanten Aussaat noch nicht, holen Sie sie in einen Raum mit 18–20 °C, bis sie zu keimen beginnen. Angekeimte Samen sofort säen, und wenn das Wetter es nicht zulässt, vorerst in den Kühlschrank stellen.
ArtDauer der Stratifikation
Walnuss30–60 Tage
Apfel, Birne80–100 Tage
Aprikose, Vogelkirsche100 Tage
Pfirsich, Haselnuss120 Tage
Pflaumen, Myrobalane, Steinweichsel120–150 Tage
Sauerkirsche, Schlehe150–180 Tage

Einweichen statt Stratifikation. Bei Nüssen sowie Pfirsich- und Mandelkernen genügt es, sie vor der Aussaat in feuchten Boden in Wasser einzuweichen: bei Zimmertemperatur 3–4 Tage, bei 4–8 °C etwa eine Woche. Beschweren Sie sie, damit sie nicht an der Oberfläche schwimmen.

Pfirsichsteine knacken Sie vor der Aussaat. Ein Schlag mit dem Hammer auf die Naht genügt. Ungeknackte keimen oft erst ein Jahr später. Pfirsiche werden erst Ende April gesät, weil die Keimlinge keine Spätfröste vertragen.

Aussaat

SamenSaattiefe (schwererer Boden)Reihenabstand
Kernobst2–2,5 cm25 cm
kleinere Steine (Süß- und Sauerkirschen)3–3,5 cm30 cm
große Steine (Zwetschgen, Aprikosen, Pfirsiche)3,5–4,5 cm30 cm
Nüsse4–6 cm35 cm

In leichterem Boden säen Sie etwa 1 cm tiefer. Steine und Nüsse legen Sie waagerecht, mindestens 5 cm voneinander entfernt, bedecken sie mit Sand und feiner Erde und drücken sie mit einem Brettchen an. Gegen Austrocknen hilft eine dünne Schicht Sägespäne oder feiner Kompost. Die Samen bleiben nur 1–2 Jahre keimfähig, nehmen Sie sie aus reifen Früchten gesunder und ertragreicher Bäume.

Sämlinge von Kernobst werden nach Bildung von zwei echten Blättern, spätestens Anfang Mai, pikiert: Die Hauptwurzel wird um etwa ein Drittel gekürzt, damit sich die Wurzeln verzweigen. Sämlinge von Steinobst werden nicht umgepflanzt. Düngen Sie nur bis Mitte Juni nach, späterer Stickstoff senkt die Frosthärte. Im Herbst, von Mitte Oktober bis Ende November, werden gut entwickelte Sämlinge mit einem Wurzelhals von 7–10 mm Stärke gerodet und an den Platz gepflanzt, an dem sie veredelt oder okuliert werden. Wie es weitergeht, beschreiben die Artikel Veredlung von Obstbäumen und Obstbaum-Unterlagen.

Keimung anregen: Saatgut einweichen und Wachstumsregulatoren einsetzen

Keimling mit noch anhaftender Samenschale über dem Moosboden

Seit der Entdeckung der Wachstumsregulatoren gibt es auch Versuche, die Keimung von Samen zu fördern, die gar nicht in Ruhe liegen. Verlockend war immer die Vorstellung, Samen vor dem Keimen in einer Lösung eines Wachstumsregulators quellen zu lassen, das Wachstum zu beschleunigen und damit womöglich den Ertrag zu steigern. Die Ergebnisse schwanken allerdings stark – vieles hängt von der Vitalität des einzelnen Saatguts sowie von Witterung und Boden ab.

Positive Ergebnisse brachte vor allem Wurzelgemüse, dessen Saatgut (etwa 24 Stunden) in einer Lösung aus IBA und Nikotinsäure (50 mg·l⁻¹) gequollen wurde. Hier wirkt aber schon das bloße Einweichen in Wasser: Dabei werden hemmende (inhibitorische) Stoffe ausgewaschen, an denen besonders die Spaltfrüchte von Möhren und Petersilie sehr reich sind. Auch Weizenkörner, die in Wasser gequollen und danach wieder getrocknet wurden, keimen schneller als trockene Körner ohne diese Vorbehandlung. Das liegt vermutlich nicht nur am Auswaschen der Hemmstoffe, sondern auch daran, dass während des Quellens biochemische Prozesse anlaufen – vor allem die enzymatische Aktivität.

Um das Mälzen zu beschleunigen, lässt man die Körner von Gerste in einer Gibberellinlösung quellen. Auf dieselbe Weise lassen sich die Blütenstiele etwa beim Alpenveilchen strecken und damit besser für den Schnitt nutzen. Auch das Spritzen einer Gibberellinlösung auf einen aufgelaufenen Bestand aus Körnerleguminosen und Getreide beschleunigt das Wachstum deutlich.

Als aussichtsreich gilt der Einsatz von Wachstumsregulatoren (gegebenenfalls gemischt mit Mikronährstoffen wie Bor oder Mangan) in Kulturen, die zur Saatgutgewinnung angebaut werden. Gespritzt werden muss noch vor der Samenreife. So lässt sich keimfähigeres Saatgut ernten, aus dem später vitalere Pflanzen mit besserem Ertrag heranwachsen.

Austrieb hemmen: Obstgehölze bremsen und Kartoffeln keimfrei lagern

Blick von oben auf eine Multitopfplatte mit jungen Sämlingen

HEMMUNG (RETARDATION) VON AUSTRIEB UND WACHSTUM

Manchmal soll ein unerwünschter Austrieb gerade verhindert werden. Spritzt man Obstgehölze im August mit höher konzentrierten Lösungen von Wachstumsregulatoren auxinischer Natur (z. B. IAA oder NAA, 100–200 mg·l⁻¹), lässt sich ihre Blüte im folgenden Frühjahr um bis zu zehn Tage verzögern. So können Schäden durch späte Frühjahrsfröste vermieden werden.

Bei Kartoffeln wurden Retardantien erprobt, etwa Maleinsäurehydrazid (MH), um den unerwünschten Austrieb der über den Winter eingelagerten Knollen zu verhindern.

MH wurde auch bei anderen Pflanzenarten erprobt. Bei Tulpen aus dem Zwiebelanbau und bei der Küchenzwiebel unterdrückt MH die unerwünschte Blütenbildung bzw. den Austrieb im Lager, bei Parkrasen und Hecken bremst es unerwünschtes Wachstum. Weil MH die Zellteilung hemmt, gilt sein Einsatz vor allem bei Kartoffeln als bedenklich; für den Haus- und Kleingarten sind solche Keimhemmungsmittel ohnehin nicht zugelassen.

In einigen Ländern wurden mit dem Retardant Paclobutrazol positive und hygienisch vertretbare Erfahrungen gemacht. Es wird vor allem auf Obstgehölze gespritzt, um das Längenwachstum der Triebe zu bremsen, die Verzweigung zu fördern und so einen stärkeren Blüten- und Fruchtansatz zu erreichen. Im Haus- und Kleingarten steht Paclobutrazol nicht zur Verfügung; welche Wachstumsregler überhaupt zugelassen sind, zeigt das Pflanzenschutzmittel-Verzeichnis des BVL.

Chlorcholinchlorid und Wuchsstoffherbizide: Halmverkürzung im Getreide und Unkrautbekämpfung

Anzuchtplatten mit jungen Sämlingen im Gewächshaus

Erhebliche praktische Bedeutung erlangte der Wachstumsregler Chlormequatchlorid (CCC), im Getreidebau als Halmverkürzer bekannt. Nach dem Spritzen von Winterweizenbeständen bleibt der Halm kürzer und fester, sodass die Pflanzen nicht ins Lager gehen. Besonders deutlich ist die Wirkung in Beständen, die hohe Stickstoffgaben erhalten haben. Aus hygienischer und ökologischer Sicht sind auch solche Anwendungen nicht wünschenswert; sie gehören in den Profi-Ackerbau, und welche Präparate zugelassen sind, führt das Pflanzenschutzmittel-Verzeichnis des BVL.

Einige Wachstumsregulatoren bremsen in höheren Konzentrationen nicht nur das Wachstum, sondern töten die Pflanzen ab. Genutzt wird dabei, dass zweikeimblättrige Pflanzen deutlich empfindlicher auf Auxin reagieren als einkeimblättrige. Mit Wuchsstoffherbiziden (z. B. 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure) lassen sich deshalb zweikeimblättrige Unkräuter (etwa Senf oder Hederich) in Beständen einkeimblättriger Kulturen wie Getreide bekämpfen.