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Stecklinge bewurzeln: Adventivwurzeln, Phytohormone und Stimulatoren

Wie funktioniert die Bewurzelung von Stecklingen? Ein Leitfaden zu Adventivwurzeln, zur Wirkung von Auxinen, zum Schnittzeitpunkt und zu den Arten nach Bewurzelungsfähigkeit.

Überblick: So läuft die Bewurzelung von Stecklingen ab

Erfahren Sie, wie sich die Bewurzelung von Stecklingen mit Auxinen und weiteren Phytohormonen steuern lässt, wann und woher Sie Stecklinge schneiden, wie Sie alte Gehölze verjüngen und welche Arten am besten bewurzeln.

Was die Bewurzelung von Stecklingen ist und warum Pflanzen regenerieren

Stecklinge mit Adventivwurzeln zur Vermehrung von Pflanzen.

BEWURZELUNG VON PFLANZEN

Nehmen wir von einer Mutterpflanze ein Blatt oder eine Wurzel ab, regeneriert dieser unvollständige Pflanzenteil die fehlenden Organe und bildet so eine neue, vollständige Pflanze. Die Gesamtheit der aus einer Pflanze vermehrten Individuen nennt man Klon. Sie hat denselben Genotyp wie die ursprüngliche Mutterpflanze und damit alle ihre Nutz- und sonstigen Eigenschaften.

Das große Regenerationsvermögen der Pflanzen ist jedem schon aufgefallen. Beim Waldspaziergang sehen wir Stümpfe mancher Gehölzarten, aus denen neue Triebe wachsen. Die Pflanze ersetzt so den fehlenden oberirdischen Teil. Zweige, die man in der Vase mit nach Hause nimmt, bilden häufig Wurzeln – ein weiteres Beispiel dafür, wie eine Pflanze ein fehlendes Organ ergänzt und wieder zum vollständigen Organismus wird. 

Der Fähigkeit von Pflanzen, sich vegetativ zu vermehren, gilt aus praktischem Interesse große Aufmerksamkeit. Im Vordergrund steht dabei die Untersuchung äußerer Faktoren, die die Bewurzelung fördern (Substrat, Temperatur, Feuchtigkeit, Licht, Anwendung von Stimulatoren). Dem inneren Zustand der regenerierenden Pflanze wird weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei entscheiden über den Bewurzelungserfolg in erster Linie die genetische Information und der physiologische Zustand des entnommenen Pflanzenteils.

Der weitere Text befasst sich mit der Bewurzelung (der Bildung von Adventivwurzeln) vor allem aus Sicht der Wachstumsregulation.

Entstehung der Adventivwurzeln: wo und wie sie sich bilden

Adventivwurzeln, die am Steckling während der Bewurzelung entstehen.

ENTSTEHUNG DER ADVENTIVWURZELN

Bei der Bewurzelung bilden sich am abgetrennten Pflanzenteil (Spross, Blatt, Rhizom, sekundär verdickte Wurzel) sogenannte Adventivwurzeln (Ersatzwurzeln).

Da Adventivwurzeln sowohl bei heutigen Farnpflanzen als auch bei ihren baumförmigen Vorfahren aus dem Devon vorkommen, gilt die Bildung von Adventivwurzeln als ursprüngliches Merkmal.

Manche Pflanzenarten haben sich an regelmäßig wiederkehrende Überschwemmungen und die damit verbundenen frischen Bodenauflagen angepasst. Sie legen im Voraus Wurzelanlagen in den Trieben an – im Grunde morphologische Adventivwurzeln, deren Entwicklung angehalten wurde. Diese vorgebildeten Wurzelanlagen erlauben es der Pflanze, im Bedarfsfall (bei Überschwemmung) rasch zu reagieren und an den Pflanzenteilen unter der Wasseroberfläche Adventivwurzeln zu bilden.

Arten mit vorgebildeten Wurzelanlagen bewurzeln leichter als andere, selbst nah verwandte Arten ohne diese Eigenschaft. Ein Beispiel ist der feuchtigkeitsliebende Weiße Hartriegel, in dessen Trieben Wurzelanlagen entstehen, im Vergleich zum trockenheitsliebenden Blutroten Hartriegel, bei dem sich keine Wurzelanlagen bilden.

Wo Adventivwurzeln entstehen, ist genetisch festgelegt und lässt sich auch durch Wachstumsregulatoren nicht ändern (bei den Süßgräsern etwa an den Nodien – den Knoten, bei der Gattung Pappel in den Internodien – den Sprossgliedern).

An oder nahe den Schnittstellen (Verwundungen) entstehen sogenannte Wundwurzeln. Bei schwer bewurzelnden Arten können ausschließlich Wundwurzeln an der Bewurzelung beteiligt sein. Vergrößert man die Wundfläche durch längsseitiges Anspalten der Stecklingsbasis, kann sich die Zahl der wurzelbildenden Stellen erhöhen.

Drei Phasen der Adventivwurzelbildung: Induktion, Initiation und Expression

Drei Phasen der Adventivwurzelbildung: Induktion, Initiation und Expression.

PHASEN DER ADVENTIVWURZELBILDUNG

Ziel der Forschung war es zuletzt, eine chemische Substanz zu finden, deren Aktivität (Gehalt) sich im Verlauf der Bewurzelung je nach Phase der Adventivwurzelbildung verändert. Dabei ergaben sich zwei wichtige Erkenntnisse. Erstens erscheint die Adventivwurzelbildung als Abfolge voneinander unabhängiger Phasen, in denen das Auxin eine bedeutende, noch nicht vollständig geklärte Rolle spielt. Zweitens zeigte sich, dass sich der Bewurzelungsverlauf anhand der Aktivität des Enzyms Peroxidase in mindestens drei Phasen gliedert: Induktion, Initiation und Expression.

Jede Phase stellt eigene Ansprüche an die Aktivität der einzelnen Phytohormone und an deren Verhältnis zueinander. Zugleich reagieren Zellen und Gewebe in jeder Phase unterschiedlich empfindlich auf ausgebrachte Wachstumsregulatoren. Eine bedeutende, aber nicht vollständig geklärte Rolle spielt bei der Adventivwurzelbildung das Auxin.

Die Induktionsphase beginnt unmittelbar nach dem Abtrennen der Stecklinge von der Mutterpflanze mit einer kurzzeitig erhöhten Produktion von sogenanntem Stressethylen – der Antwort des Stecklings auf den Schnittstress. Weil der Einfluss des Wurzelsystems wegfällt, sinkt zugleich die Aktivität der endogenen Gibberelline und Cytokinine. Im Steckling steigt der Gehalt phenolischer Stoffe, die die Aktivität der auxinabbauenden Enzyme senken. Gleichzeitig setzt der Transport von Auxin aus den austreibenden Knospen und aus den Blättern zur Stecklingsbasis ein. Eine Behandlung mit synthetischen Auxinen unterdrückt die Adventivwurzelbildung in dieser Phase. Mit dem Maximum der Auxinaktivität und dem Minimum der Peroxidaseaktivität endet die Vorbereitungsphase.

In der Initiationsphase steigt die Aktivität der Peroxidase und der übrigen auxinabbauenden Enzyme, sodass der Auxingehalt im Steckling sinkt. Dieser Rückgang hängt mit dem Beginn der Zellteilung zusammen. Die gegenläufige Wirkung von Auxin und Ethylen zeigt sich auch bei ihrer Anwendung: Ein jetzt zugeführtes synthetisches Auxin erhöht die Zahl der gebildeten Wurzeln. Ethylen hemmt die Adventivwurzelbildung dagegen ebenso wie eine Behandlung mit Gibberellin oder Cytokinin.

Die Expressionsphase beginnt mit der Bildung des Wurzelprimordiums. Die Aktivität der auxinabbauenden Enzyme, aber auch die Auxinaktivität selbst, ist niedrig. Im Steckling steigen der Gehalt an Gibberellinen und Cytokininen sowie die Produktion von Ethylen. Die Wirkung von synthetischem Auxin und Ethylen kehrt sich in dieser Phase um: Auxine hemmen die Wurzelbildung, Ethylen stimuliert sie.

Wie Phytohormone und Wachstumsregulatoren die Bewurzelung beeinflussen

Einfluss von Phytohormonen und Wachstumsregulatoren auf die Bewurzelung von Stecklingen.

EINFLUSS VON PFLANZLICHEN WACHSTUMSREGULATOREN AUF DIE ADVENTIVWURZELBILDUNG

Für eine erfolgreiche Adventivwurzelbildung ist die Steuerung des Auxingehalts über den gesamten Prozess entscheidend. Die einzelnen Phasen (siehe Kapitel 8.2) werden in der Praxis nicht unterschieden und lassen sich dort vermutlich auch gar nicht unterscheiden. Das kann einer der Gründe dafür sein, dass die Bewurzelung mancher Arten misslingt – und ein Anstoß für weitere Versuche.

Auxin stimuliert die Wurzelbildung. Deshalb fördern auch austreibende Knospen und Blätter als Quelle natürlichen Auxins die Bewurzelung von Stecklingen. Stoffe mit Auxinwirkung sind Bestandteil von Bewurzelungspulvern und ähnlichen Präparaten.

Gibberelline wirken auf die Adventivwurzelbildung hemmend. Bei gut bewurzelnden Gehölzarten wurde eine hohe Auxin- und eine niedrige Gibberellinaktivität festgestellt. Eine Behandlung mit Gibberellinen in den frühen Phasen der Wurzelbildung senkt im Ergebnis die Zahl der gebildeten Wurzeln. Werden Stecklinge später mit Gibberellinen behandelt, wenn über die Wurzelzahl bereits entschieden ist, wirkt sich das positiv auf die Wurzellänge aus.

Auch Cytokinin wirkt auf die Adventivwurzelbildung überwiegend hemmend. Eine Behandlung in bestimmten Entwicklungsphasen der Wurzeln kann jedoch auch stimulierend wirken. Werden die Blätter der Mutterpflanze oder die Blätter am Steckling mit Cytokininen oder cytokininhaltigen Stoffen (etwa Alginaten) behandelt, wirkt das auf die Bewurzelung stimulierend – vermutlich, weil Cytokinine der Blattalterung entgegenwirken und die Blätter die natürlichen Auxine liefern.

Abscisinsäure kann die durch Gibberellin verursachte Hemmung der Adventivwurzelbildung aufheben und zugleich die Stresstoleranz der Stecklinge beeinflussen, etwa bei Entnahme und Transport. Die Versuchsergebnisse zur Wirkung von ABA auf die Adventivwurzelbildung sind allerdings ebenfalls widersprüchlich.

Die Wirkung von Ethylen auf die Adventivwurzelbildung schwankt stark und hängt von vielen äußeren und inneren Faktoren ab. Die Versuchsergebnisse zu diesem Pflanzenhormon sind sehr widersprüchlich.

Chlormequatchlorid (CCC), das gegen das Lagern von Getreide eingesetzt wird, fördert die Bewurzelung auch bei schwer bewurzelnden Arten, die reich an natürlichen Gibberellinen sind.

Die Triazolverbindung Paclobutrazol – Handelsname Cultar – hemmt die Gibberellinbildung in der Pflanze, erhöht die Stresstoleranz, bremst die Blattalterung und aktiviert die Bildung natürlichen Auxins. Bei Sprossstecklingen von Liguster erhöhte eine Behandlung damit sowohl die Zahl als auch die Länge der gebildeten Adventivwurzeln.

Auch phenolische Verbindungen können sich positiv auf die Adventivwurzelbildung auswirken.

Eine Behandlung mit 2,3,5-Trijodbenzoesäure (TIBA) hemmt die Wurzelbildung, vermutlich weil sie den Auxintransport zur Stecklingsbasis verringert.

Einfluss von Ort und Zeitpunkt der Stecklingsentnahme auf den Bewurzelungserfolg

Zeitpunkt und Ort der Stecklingsentnahme beeinflussen den Bewurzelungserfolg.

INNERE VORAUSSETZUNGEN DER BEWURZELUNG VON STECKLINGEN

Genetische Information

Die Fähigkeit von Stecklingen, Adventivwurzeln zu bilden, ist in der genetischen Information jeder Pflanze festgelegt. Die von den Vorfahren geerbte Information steuert die Bildung der Phytohormone der jeweiligen Art. Bildet eine Pflanze Phytohormone, die der Adventivwurzelbildung zuträglich sind, bewurzeln ihre Stecklinge leicht. Ist es umgekehrt, entstehen Adventivwurzeln nur sehr schwer.

Die Bewurzelungsfähigkeit ist allerdings selbst bei leicht bewurzelnden Arten nicht konstant. Wie stark Wurzeln gebildet werden, hängt deutlich davon ab, an welcher Stelle der Pflanze der Steckling geschnitten wurde, und ändert sich im Jahresverlauf wie auch im Lauf des Pflanzenlebens.

PHYSIOLOGISCHER ZUSTAND

Der physiologische Zustand einer Pflanze ergibt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Stoffwechselvorgänge, die mehr oder weniger stark von äußeren Faktoren beeinflusst werden. Die Adventivwurzelbildung am Steckling ist das Ergebnis der Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Teilen der Mutterpflanze und dem später entnommenen Steckling. Diese Beziehungen (Korrelationen) werden von Pflanzenhormonen vermittelt. Ein günstiger Phytohormonstatus der Mutterpflanze an der Stelle der späteren Entnahme beeinflusst den Bewurzelungserfolg maßgeblich.

Einfluss der Entnahmestelle auf die Bewurzelung

Der physiologische Zustand von Stecklingen aus verschiedenen Pflanzenteilen ergibt sich aus dem Gehalt an Phytohormonen und Reservestoffen, der Empfindlichkeit der Zellen und weiteren Faktoren. Weil sich dieser Zustand in den einzelnen Pflanzenteilen unterscheidet, unterscheidet sich auch die Bewurzelungsfähigkeit. Stecklinge aus dem unteren Kronenbereich bewurzeln zum Beispiel besser als Stecklinge aus dem Kronengipfel. Seitentriebe bewurzeln häufig besser als Endtriebe.

Bei krautigen Arten ist die Aktivität von Gibberellinen und Cytokininen an der Sprossspitze am niedrigsten und an der Sprossbasis am höchsten. Die Auxinaktivität verhält sich umgekehrt – an der Basis am niedrigsten, an der Spitze am höchsten –, und deshalb nimmt auch die Adventivwurzelbildung von der Spitze zur Basis des Sprosses hin zu.

Bei Gehölzen ist die Lage etwas anders und komplizierter. Die Triebe sind vom Wurzelsystem weit entfernt, das über die Gibberellinproduktion die Bewurzelung hemmt. Deshalb ist eine auxinartige Wirkung sowohl mit dem oberen (apikalen) als auch mit dem unteren (basalen) Triebabschnitt verbunden. In manchen Fällen bilden daher Abschnitte aus dem basalen Triebteil mehr Adventivwurzeln (Versuch 9.8.2).

Die Entnahmestelle am Baum beeinflusst nicht nur die Bewurzelungsfähigkeit, sondern auch das spätere Wachstum der neuen Pflanze. Stecklinge aus Gipfeltrieben wachsen von Anfang an aufrecht weiter. Stecklinge aus hängenden Ästen behalten dagegen lange einen überhängenden Wuchs.

Einfluss des Entnahmezeitpunkts auf die Bewurzelung

Bei der Pappel bewurzelten in den Monaten August bis Oktober Stecklinge aus der Triebbasis besser, wo die Auxinaktivität höher war. In den Monaten November bis April wurde das Maximum der Adventivwurzelbildung erfasst. Zu dieser Zeit gab es keinen Unterschied zwischen Stecklingen aus Basis, Mitte oder Spitze des Triebes. Mit der Verlagerung der Auxinaktivität zur Triebspitze verschob sich auch das Bewurzelungspotenzial dorthin.

Das Beispiel zeigt: Der Phytohormonstatus der Stecklinge und die Intensität der Bewurzelung ändern sich nicht nur mit der Entnahmestelle, sondern auch mit der Zeit.

Mit dem Phytohormonstatus der Mutterpflanze und damit auch des entnommenen Stecklings schwankt im Jahresverlauf die Bewurzelungsfähigkeit. Vor allem beim Eintritt in die Dormanz ist die Fähigkeit zur Wurzelbildung bei den meisten Gehölzarten deutlich herabgesetzt. Mit dem Austritt aus der Dormanz steigt sie wieder. Ungünstig wirken sich außerdem bei sehr jungen Trieben das unreife Gewebe und der hohe Gehalt natürlicher Gibberelline zur Zeit des stärksten Wachstums aus.

Alter der Pflanze und Rejuvenilisierung: wie Verjüngung die Bewurzelung verbessert

Verjüngung älterer Pflanzen zur Verbesserung der Bewurzelungsfähigkeit.

Einfluss des Pflanzenalters auf die Bewurzelung von Stecklingen

Das Alter des Baumes hat großen Einfluss auf die Wurzelbildung. Je älter das Gewebe, desto schlechter bildet es Adventivwurzeln. Ausdifferenziertes, spezialisiertes Gewebe verliert die Fähigkeit zur Zellteilung.

Ältere Bäume lassen sich bislang nicht über Stecklinge vermehren. Die höchste Bewurzelungsfähigkeit haben Stecklinge von 3 bis 10 Jahre alten Individuen. Bei Bäumen über zwanzig Jahren fällt der Anteil bewurzelter Stecklinge steil ab. Mit zunehmendem Alter der Mutterbäume sinken auch das Tempo der Wurzelbildung sowie Länge und Zahl der Wurzeln. Bewurzelte Stecklinge älterer Bäume wachsen langsamer, sterben häufiger ab und ergeben schlechter geformte Jungpflanzen.

Für den unterschiedlichen physiologischen Zustand der einzelnen Baumteile und die daraus folgende unterschiedliche Bewurzelungsfähigkeit der daraus geschnittenen Stecklinge gibt es eine interessante Erklärung. Ihre Autoren gehen davon aus, dass ein Baum nicht als Ganzes gleichmäßig altert, sondern von der Basis zur Spitze und von innen nach außen. So erklären sie den scheinbaren Widerspruch, dass der unterste und zugleich (chronologisch) älteste Teil der jüngste (juvenilste) ist.

Für jedes Organ des Baumes unterscheiden sie ein Eigenalter, das mit der Anlage des Organs am Baum beginnt, und ein Gesamtalter, das ab der Anlage der ganzen Pflanze zählt. Die jüngsten (neuesten) Blätter haben nach dieser Theorie das geringste Eigenalter, weil sie zuletzt entstanden sind, zugleich aber das höchste Gesamtalter, weil sie im Verhältnis zur ganzen Pflanze am spätesten – an einem alten Organismus – gebildet wurden. Beim Gesamtalter wird zum Alter des Organs das Alter der ganzen Pflanze addiert. Die Gipfelpartien erscheinen deshalb älter als die unteren Teile: Sie entstanden bereits an einer alten Pflanze, während die unteren Teile gebildet wurden, als die Pflanze noch jung war.

Rejuvenilisierung (Verjüngung) und die Bewurzelung von Stecklingen

Die wirtschaftlichen (Ertrags-, Zier- und weiteren) Eigenschaften von Gehölzen und Sträuchern lassen sich erst beurteilen, wenn sie das Erwachsenenstadium erreicht haben. Und genau dieser Übergang geht mit einem deutlichen Rückgang der Bewurzelungsfähigkeit einher. Deshalb sucht man nach Wegen, den Verlust des Bewurzelungspotenzials zu verhindern.

Bei Gehölzen lässt sich der Alterseinfluss durch die sogenannte Rejuvenilisierung teilweise ausgleichen. Dafür werden verschiedene Verfahren empfohlen.

Dazu gehört etwa die wiederholte vegetative Vermehrung. Mit jedem Vermehrungszyklus steigt die Bewurzelungsfähigkeit der Stecklinge.

Ein weiteres Verfahren ist die Entnahme von Stecklingen aus einer Hecke oder von häufig geschnittenen Mutterpflanzen. Solche Stecklinge können besser bewurzeln als Stecklinge aus der Krone eines frei gewachsenen, gleich alten Baumes.

Diese Technik hat allerdings ihre Grenzen und wirkt bei sehr alten Pflanzen nicht mehr. Die Lösung liegt in der Anzucht von Pflanzen in vitro (im Glas). Durch mehrere aufeinanderfolgende Subkulturen in vitro lassen sich verjüngte Individuen gewinnen, aus denen nach der Akklimatisierung Mutterpflanzen mit guter Bewurzelungsfähigkeit hervorgehen.

Das Beschatten der Mutterpflanzen vor der Stecklingsentnahme ist eine alte Technik für schwer bewurzelnde Gehölze. Dabei werden zwei Varianten genutzt.

Die einfachere Variante besteht in einem sehr starken Rückschnitt bis auf den Boden. Vor dem Austrieb werden die Mutterpflanzen mit einer dunklen Abdeckung beschattet. Sobald die Triebe etwa 10 cm erreicht haben, gewöhnt man sie schrittweise ans Licht und schneidet anschließend die Stecklinge.

Die zweite Technik ist etwas aufwendiger. Dabei wird der untere Teil (die Basis) der ausgetriebenen Triebe mit schwarzem Band umwickelt (Bänderung). Der Triebabschnitt unter dem schwarzen Band ist nach einiger Zeit etioliert. Die Stecklinge werden einige Tage bis einige Wochen nach dieser Behandlung geschnitten. Nach der Bewurzelung ist der Zugang zu Licht wieder nötig. 

Licht spielt bei der Bewurzelung durchaus eine Rolle. Langtagsbeleuchtung erhöht den Gehalt endogener Auxine und kann die Bewurzelung dadurch fördern.

Auch durch Veredeln lässt sich die Bewurzelung verbessern. Reiser vom alten Baum werden zunächst auf einen jungen Sämling oder eine Jungpflanze veredelt. Stecklinge vom Reis bewurzeln besser als Stecklinge direkt vom alten Baum.

Bewurzelungshilfen: Auxine, Behandlungstechniken und Bedingungen

Bewurzelungshilfen mit Auxinen und die Verfahren ihrer Anwendung.

STIMULATION DER BEWURZELUNG VON STECKLINGEN

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Bewurzelung von Stecklingen erstmals mit dem Auxin Indol-3-essigsäure stimuliert. Auxine nutzten die Menschen dafür allerdings schon lange, ohne davon zu wissen: In die angespaltene Stecklingsbasis legte man angekeimte Getreidekörner, die eine reiche Quelle natürlicher Auxine sind.

Neben Indol-3-essigsäure (IAA) wird am häufigsten Indol-3-buttersäure (IBA) verwendet, die bei Überdosierung weniger giftig ist als 1-Naphthylessigsäure (NAA). IAA wird als natürliches Auxin von der Pflanze leicht abgebaut und deshalb meist in höherer Konzentration angewendet als IBA und NAA. Eine stärkere stimulierende Wirkung als die Säuren selbst (IAA, IBA und NAA) haben deren Ester und Kaliumsalze. Enthält das verwendete Präparat kein Fungizid, empfiehlt es sich, die Stecklinge gegen Schimmelbefall zusätzlich mit einem Fungizid zu behandeln.

Werden die Stecklingsbasen mit natürlichen oder synthetischen Auxinen behandelt, steigt der Anteil bewurzelter Stecklinge, die Bewurzelung geht schneller und Zahl wie Qualität der Adventivwurzeln nehmen zu. Aus diesen Gründen werden Präparate zur Förderung der Adventivwurzelbildung eingesetzt. Vor der Behandlung schneidet man den unteren Teil der Stecklinge am besten schräg an – so kommen mehr Kambiumzellen mit dem Auxin in Berührung.

Die Behandlung mit Auxinen wirkt besser, wenn der Phytohormonstatus der Stecklinge für die Adventivwurzelbildung günstig ist. Stecklinge leicht bewurzelnder Gehölze sprechen zum Beispiel besser auf Auxin an als Stecklinge schwer bewurzelnder Gehölze. Und Stecklinge, die nach dem Ende der echten Dormanz geschnitten wurden, sprechen besser an als Stecklinge aus der Zeit der echten Dormanz.

Deshalb ist es sinnvoll, zuerst (sofern genug Pflanzenmaterial vorhanden ist) den passenden Zeitpunkt für Schnitt und anschließende Behandlung der Stecklinge zu bestimmen.

Weil sich die Empfindlichkeit der Zellen gegenüber Auxinen im Jahresverlauf ändert, muss auch die Konzentration passend gewählt werden. Höhere Konzentrationen kommen bei harten Stecklingen, bei dormanten Stecklingen und bei Stecklingen schwer bewurzelnder Gehölzarten zum Einsatz.

Techniken der Stecklingsbehandlung mit Bewurzelungshilfen

Die wichtigsten Techniken für die Behandlung der Stecklingsbasis mit wurzelbildungsfördernden Stoffen sind: das Bestäuben mit einer Mischung aus Auxin und Talkumpuder, das Tauchen in eine verdünnte Auxinlösung oder das kurze Eintauchen in eine konzentrierte Auxinlösung. Die Wurzeln umgepflanzter Pflanzen taucht man in einen Stärkebrei mit Auxin oder in ein Polyacrylatgel mit Auxin, oder man bestreicht sie mit auxinhaltigem Lanolin. Bei schwer bewurzelnden Arten wurde eine bemerkenswerte, seltene Methode eingesetzt: Das Auxin wurde mit auxingetränkten Zahnstochern direkt an die Stellen der Wurzelbildung eingebracht.

Die Reaktion der Stecklinge auf die Auxinbehandlung lässt sich zum Beispiel durch Ringeln, Verjüngung oder teilweise Etiolierung des Triebes verbessern. Damit verändert man den Phytohormonstatus der Stecklinge und die Empfindlichkeit des Gewebes für das zugeführte Auxin. Sehr positiv wirkt die Anwendung von Cytokininen auf die Blätter der Mutterpflanzen einige Wochen vor der Stecklingsentnahme. Dafür eignen sich auch Alginate (Algenextrakte) als Quelle eines preiswerten und relativ stabilen Cytokinins.

Auch die Düngung der Mutterpflanzen wirkt sich positiv auf die Bewurzelung der geschnittenen Stecklinge aus. Das Gleichgewicht der Nährstoffe ist dabei sehr wichtig, insbesondere das Verhältnis von Nitrat- (NO3) zu Ammonium-Ionen (NH4). Auch Gehalt und Ausgewogenheit der biogenen Elemente zählen. Eine positive Rolle spielt bei der Bewurzelung das Bor.

Bei der Bewurzelung sind die nötigen Kulturbedingungen einzuhalten, vor allem Feuchtigkeit und Temperatur des Substrats sowie Feuchtigkeit und Temperatur der Luft. Empfohlen werden häufiges Besprühen und vor allem eine Bodenwärme von 18 bis 20 °C, mitunter bis 26 °C. Gegen Schimmel lassen sich Fungizide einsetzen.

Abschließend sei betont, dass genaue Rezepte für die Bewurzelung (Konzentration, Anwendungsdauer, Stecklingstyp usw.), wie sie in der Literatur mitunter angegeben werden, nicht allgemein gültig sein müssen. Es geht eher darum, die Prinzipien der einzelnen Eingriffe und Behandlungen zu verstehen und sie unter den eigenen Bedingungen und mit dem eigenen Pflanzenmaterial zu erproben. Als grober Anhaltspunkt kann dabei die Einteilung einiger Pflanzenarten nach der Bewurzelungsfähigkeit ihrer Stecklinge und nach ihrer Reaktion auf zugeführtes Auxin dienen.

Übersicht der Pflanzen- und Gehölzarten nach Bewurzelungsfähigkeit

Übersicht der Pflanzen- und Gehölzarten nach ihrer Bewurzelungsfähigkeit.

I. SEHR GUT BEWURZELNDE PFLANZEN (unbehandelte Stecklinge bilden zu 60–100 % Wurzeln) a) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie deutlich an Weide (Salix) Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) Besenheide (Calluna vulgaris) b) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie nicht oder nur schwach an Ginkgo (Ginkgo biloba) Rispiges Gipskraut (Gypsophila paniculata) Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus)

II. GUT BEWURZELNDE PFLANZEN (unbehandelte Stecklinge bilden zu 30–60 % Wurzeln) a) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie sehr gut an Pelargonie (Pelargonium zonale) Chrysantheme (Chrysanthemum) b) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie gut an Buchsbaum (Buxus) Gummibaum (Ficus elastica) Forsythie (Forsythia suspensa) Efeu (Hedera helix) Stachelbeere (Grossularia uva-crispa) Rose (Rosa) Eibe (Taxus baccata) c) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie nicht oder nur schwach an Deutzie (Deutzia scabra) Zwergmispel (Cotoneaster)

III. SCHLECHT BEWURZELNDE PFLANZEN (unbehandelte Stecklinge bilden zu 30 % und weniger Wurzeln) a) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie sehr gut an Tanne (Abies) Pfirsich (Persica vulgaris) Blauregen (Wisteria) b) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie gut an Lorbeer (Laurus nobilis) Flieder (Syringa vulgaris) Fichte (Picea) Thuja (Thuja) Ulme (Ulmus) Eiche (Quercus) Oleander (Nerium oleander) Pfeifenstrauch (Philadelphus) c) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie nicht oder nur schwach an Hartriegel (Cornus) Magnolie (Magnolia) Kiefer (Pinus)

IV. PFLANZEN, DIE OHNE AUXIN NICHT BEWURZELN a) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie sehr gut an Ahorn (Acer) Haselnuss (Corylus avellana) Douglasie (Pseudotsuga taxifolia) b) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie gut an Pfeifenwinde (Aristolochia macrophylla) Birke (Betula) Rotbuche (Fagus sylvatica) Kanadische Hemlocktanne (Tsuga canadensis) c) Auf zugeführtes Auxin sprechen sie nicht an Erle (Alnus) Weißdorn (Crataegus)

V. UNTERSCHIEDLICH BEWURZELNDE PFLANZEN

Rhododendron (Rhododendron) Weinrebe (Vitis vinifera)